Aktuelles

Seit Sophie von La Roche im ausgehenden 18. Jahrhundert mit Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim der weiblichen Erfahrung in der deutschen Literatur eine Stimme verlieh, zieht sich das Thema der Gewalt an Frauen wie ein leiser, aber unüberhörbarer Unterton durch die literarische Tradition. La Roches Heldinnen bewegen sich in einer Welt, die sie formt, kontrolliert und begrenzt – eine Welt, in der Gehorsam, Tugend und Anpassung als Schutz gelten, zugleich aber auch als Fesseln. Ihre Texte zeigen bereits jene subtile Form der Gewalt, die nicht in Schlägen, sondern in gesellschaftlichen Erwartungen, Abhängigkeiten und moralischen Urteilen liegt.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart verändert sich das Bild der Frau – und mit ihm die literarische Auseinandersetzung mit Gewalt. Autorinnen und Autoren, von Annette von Droste-Hülshoff über Ingeborg Bachmann bis zu Elfriede Jelinek und Sibylle Berg, lassen ihre Figuren zwischen Anpassung und Aufbegehren, zwischen Sprachlosigkeit und Selbstermächtigung wandeln. Die körperliche Gewalt, die seelische Erniedrigung, die strukturelle Unterdrückung – all dies erscheint in ihren Texten nicht nur als individuelles Schicksal, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse.

Von La Roches empfindsamer Moral bis zu Jelineks schonungsloser Sprachzertrümmerung spannt sich ein weiter Bogen weiblicher Selbstbehauptung in der Literatur. In dieser Entwicklung wird sichtbar, dass Gewalt an Frauen nicht nur ein Thema, sondern auch ein Sprachproblem ist – eines, das immer wieder neue Formen des Sprechens, Schreibens und Schweigens hervorbringt. Die Literatur wird so zum Ort des Widerstands: Sie verleiht den Frauen, denen die Gesellschaft lange keine Stimme gab, eine Sprache, die bleibt.

Nachruf

Wir trauern um unser Gründungsmitglied und langjährige Saloniére Wiltrud Fleischmann, die am 7. September 2025 im Alter von 88 Jahren verstarb.

Wiltrud Fleischmann war durch ihre literarischen Kenntnisse ein Grundpfeiler unseres Literarischen Salons POMONA. Durch ihre Liebe zur Literatur und ihre didaktische Herangehensweise wurden die POMONA-Veranstaltungen eine gelungene Darstellung der jeweiligen Themen. Auch bei der Auswahl des jeweiligen Themas zeigte sich ihr literarisches Wissen. Zudem war sie durch ihr liebenswürdiges Wesen und ihre durch und durch pazifistische Einstellung eine Bereicherung für alle Aktionen des Freundeskreises Sophie La Roche e. V.

Die von Christoph Martin Wieland verfassten Zeilen zum Tode von Sophie La Roche passen in etwas abgeänderter Form auch wunderbar zu unserer Freundin Wiltrud Fleischmann:

„Daß die liebe, noch so lebhaft fühlende, an allem noch so warmen Anteil nehmende Frau am 7. September schon entschlafen sein würde! Die Welt kann zufrieden sein, eine so außerordentliche Frau, die von ihrer Kindheit an für diese Welt zu gut war, 88 Jahre lang besessen und die Früchte ihres mit ihrem Herzen gänzlich in eins verwebten und gleichsam zusammengewachsenen Geistes dankbar und undankbar genossen zu haben. Für uns lebt sie jetzt nur noch, insofern wir ihrer gedenken, und das wollen wir.“

In Memoriam

Freundeskreis Sophie La Roche e. V.

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